Die schweigende Mehrheit

Neon, April 2009

Abtreibung ist straffrei in Deutschland, aber immer noch ein gesellschaftliches Tabu. Das Schweigen geht auf Kosten der Frauen: Sie sind mit ihrer Entscheidung völlig allein.
Nadja* ist neunzehn Jahre alt, als sie ungewollt schwanger wird. Dabei hatte das Jahr so gut angefangen: Nach Realschulabschluss und einem Jahr Ausbildung als Krankenpflegehelferin rückt ihr Traumberuf endlich in greifbare Nähe - sie findet einen Ausbildungsplatz als Krankenschwester in einer Bonner Klinik. Doch nach vier Monaten im neuen Job wird Nadja schwanger. „Wir haben doppelt verhütet, mit Pille und Kondom. Ich wollte nichts riskieren“, betont sie. Der Kindsvater, eine flüchtige Affäre, ist entsetzt: „Treib die Scheiße ab, oder ich mach dir das Leben zur Hölle“, droht er. Nadja bleibt unbeeindruckt, doch sie sieht selbst keinen anderen Ausweg: Sie hat Angst, ihre Ausbildung mit Kind nicht fortsetzen zu können. Andererseits war sie immer gegen Abtreibung. „Mein Herz sprach eine völlig andere Sprache als mein Verstand“, sagt sie rückblickend. In ihrer Verzweiflung vertraut sie sich damals ihren Freundinnen im Wohnheim an – ein Fehler, wie sich bald herausstellt. „Meine Zimmertür wurde beschmiert, ich erhielt anonyme Schmähbriefe“, erinnert sich die heute 23jährige. Selbst ihre besten Freunde sind ihr keine Hilfe, distanzieren sich von ihr: „Die konnten nicht damit umgehen, dass ich in dieser Zeit so viel geweint habe.“ Trotz der Anfeindungen lässt sie die Abtreibung vornehmen. Sie zieht nach Freiburg, setzt dort ihre Ausbildung fort. Ihren Eltern hat sich Nadja bis heute nicht offenbart: „Meine Mutter ist sehr katholisch, es würde sie wahnsinnig verletzen.“

Beinahe jede siebte Schwangere in Deutschland entscheidet sich gegen ihr Kind. 2007 gab es hierzulande knapp 117.000 Abbrüche. Doch Abtreibung scheint in unserer Gesellschaft mit einem Sprach- und Bildtabu belegt zu sein. Dabei wurde das Thema vor 38 Jahren schon einmal an die Öffentlichkeit gezerrt: Im Juni 1971 titelte der „Stern“ mit dem provozierenden Geständnis: „Wir haben abgetrieben.“ 374 Frauen, darunter auch Prominente wie Romy Schneider, bezichtigten sich in der Zeitschrift selbst der Abtreibung, die damals noch illegal war. Die Aktion löste landesweite Diskussionen um den Paragrafen 218 aus. Frauen gingen auf die Straße und skandierten „Mein Bauch gehört mir“, sie forderten das Recht auf Selbstbestimmung und die Abschaffung des umstrittenen Paragrafen. Inzwischen sind Schwangerschaftsabbrüche hierzulande zwar immer noch rechtswidrig, aber straffrei. Die Indikationsregelung wurde 1995 durch die Fristenlösung ersetzt, die es Frauen ermöglicht, in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen abzutreiben - nach erfolgter Beratung bei einer staatlich anerkannten Einrichtung, wie etwa Pro Familia oder einem Familienplanungszentrum.

Doch die Straffreiheit führt nicht automatisch zur gesellschaftlichen Akzeptanz. Marina Knopf, die seit achtzehn Jahren als Psychologin im Hamburger Familienplanungszentrum arbeitet, sagt sogar, dass das Tabu heute größer ist als in den Siebziger Jahren: „Das Bewusstsein dafür, welche Errungenschaft die derzeitige Rechtslage ist und wie sie politisch erkämpft wurde, ist weitgehend verloren gegangen. Abtreibung ist wieder ein anrüchiges Thema geworden“ - im Gegensatz zu damals wollten sich die Frauen in dieser Geschichte weder erkenntlich fotografieren lassen noch (bis auf zwei) ihren richtigen Namen nennen.
Auch Elke Feldmeier-Thiele wundert sich, wie wenig sich für die Betroffenen verändert hat. „Frauen, die abtreiben, sind nach wie vor mit einem Makel behaftet. Sie wagen manchmal erst Jahre später, sich zu diesem Schritt zu bekennen.“ Im schleswig-holsteinischen Linau führt sie den Verein „Hilfe für Schwangere in Norddeutschland“ und berät im Jahr rund 150 Frauen im Schwangerschaftskonflikt. „Schweigen macht krank“, sagt sie.

Dass das Thema nach wie vor von dieser Mauer des Schweigens umgeben ist, hängt wohl vor allem mit der moralischen Beeinflussung durch gesellschaftliche Gruppen, allen voran die katholische Kirche, zusammen. Abtreibung betrachtet sie als Tötung menschlichen Lebens, auch wenn es in der Ethik umstritten ist, ob es sich bei der Leibesfrucht in den ersten Schwangerschaftswochen bereits um schutzwürdiges Leben handelt. Dementsprechend groß ist die Angst der Frauen, ihren inneren Konflikt nach außen zu tragen.

Nicht jede hat das Bedürfnis, darüber zu sprechen. Wer sich sicher ist mit seiner Entscheidung, kann den Schritt auch für sich gut bewältigen. Aber Frauen, die zweifeln, haben vor und nach dem Abbruch meist großen Gesprächsbedarf. „Für mich war das Geheimhalten-Müssen am Arbeitsplatz das Belastendste von allem. Ich hatte auch privat irgendwann keine Kraft mehr, meine Erschöpfung und ständige Übelkeit mit Ausreden zu rechtfertigen. Es hätte mir unheimlich gut getan, einfach sagen zu können: Es geht mir nicht gut, ich bin ungewollt schwanger“, schreibt eine Frau im Internet-Forum www.nachabtreibung.de. Hier tauschen sich rund 4000 Mitglieder aus - die meisten von ihnen leiden darunter, abgetrieben zu haben, sie kommen mit der Trauer, den Selbstvorwürfen und dem Schweigen nicht zurecht. Bei den anonymen Frauen im Netz können sie sicher sein, auf Verständnis zu treffen.

Sieben Jahre ist es her, dass Jessica, die Gründerin des Forums, in den Abbruch ihrer Schwangerschaft eingewilligt hat. Zu dem Zeitpunkt hat sie bereits eine sieben Monate alte Tochter. Der Kindsvater ist verheiratet und Jessica hat Angst, zwei Kindern allein nicht gerecht werden zu können. Der Vater, der keiner sein will, schleppt sie zu Pro Familia. Jessica ist eine selbstbewusste Frau, ihre dunkle Stimme klingt ernst und bestimmt. In der Beratung aber bringt sie kein Wort heraus. Trotzdem bekommt sie den Schein. Nach der Abtreibung geht es Jessica schlecht. Ihr Umfeld ist überfordert und reagiert mit Unverständnis auf ihre Trauer: „Du wolltest es doch so“, oder „Jetzt lass mal gut sein, ist doch schon lange her“ sind oft gehörte Sätze. „Es wäre sicher einfacher gewesen, wenn ich damals jemanden zum reden gehabt hätte. Ich war überzeugt, dass ich die einzige bin, die nach einem Abbruch so leidet“, erinnert sich die Sechsundzwanzigjährige. Nach zwei Jahren fängt sie an, im Internet zu recherchieren. Nach der Gründung des Forums melden sich schnell die ersten Frauen: „Da habe ich gemerkt: Ich bin nicht allein.“ Heute gehe es ihr wieder gut, sagt Jessica, nicht zuletzt weil sie irgendwann beschlossen habe, sich nicht mehr zu verstecken und offen über ihre Abtreibung zu sprechen. Dass das Internet für viele Betroffene die einzige Anlaufstelle ist, um sich auszutauschen, findet sie bedenklich. Selbst in den Familien werde das Thema nach der Abtreibung totgeschwiegen. „Wir brauchen ein neues Bewusstsein, dass viele Frauen nach einer Abtreibung aufgefangen werden müssen“, glaubt Jessica.

Neben den moralischen Vorbehalten gibt es noch andere Einflüsse, die es für Frauen schwierig machen, zu einer Abtreibung zu stehen. Da ist die Sache mit der Verhütung: Sie scheint heute so sicher und zuverlässig zu sein, dass die Meinung vorherrscht, eine ungewollte Schwangerschaft müsse eigentlich nicht mehr sein. War die Abtreibung früher auch deshalb ein Tabu, weil die Frau keinen Sex vor der Ehe haben durfte, so steht sie heute für einen Verhütungsfehler der Frau. „Wenn man ungewollt schwanger wird, ist man dumm oder schlampig gewesen – oder man wünscht sich insgeheim ein Kind, auch das wird den Frauen gern unterstellt“, berichtet Marina Knopf. Dabei ist bekannt, dass es keine hundertprozentig sichere Verhütungsmethode gibt. Eine amerikanische Modellrechnung hat ergeben, dass selbst dann, wenn alle Frauen regelmäßig ein 99 Prozent sicheres Verhütungsmittel anwendeten, dennoch drei von zehn im Lauf ihres Lebens mindestens einmal ungewollt schwanger würden. Hinzu kommt der wachsende Kinderhype. „Kinder sind heute fast ein Statussymbol geworden“, stellt Knopf fest. Babys lächeln von den Plakaten der „Du bist Deutschland“-Kampagne, sie zieren die Titelbilder der Klatsch-Illustrierten: Angelina Jolie, Gwen Stefani, Julia Roberts heißen die Vorzeigemütter, die mit ihren Babybäuchen die Verkaufszahlen der Magazine in die Höhe treiben. Die Politik nutzt den Hype, um die Geburtenrate in Schwung zu bringen: Elterngeld, Kita-Plätze, Väterzeit sollen ein kinderseliges Klima in Deutschland schaffen.

Trotzdem entscheiden sich heute viele Frauen gegen ein Kind, die es von außen betrachtet gar nicht müssten. 2007 wurden zweiundvierzig Prozent der Schwangerschaftsabbrüche von verheirateten Frauen vorgenommen. Die Minderjährigen machen mit fünf Prozent nur eine kleine Gruppe aus, weit mehr Frauen entscheiden sich zwischen ihrem fünfunddreißigsten und vierzigsten Lebensjahr für eine Abtreibung (sechzehn Prozent). Einundvierzig Prozent der Betroffenen hatten zum Zeitpunkt der Abtreibung noch keine Kinder. Warum ausgerechnet diese Frauen abtreiben, geht aus der Statistik nicht hervor. Auch in wissenschaftlichen Studien wurde die Frage bislang nicht geklärt. Letztendlich hat jede Frau ganz individuelle Gründe für ihre Entscheidung.

Ursula, 37, und Karlheinz, 42, leben mit ihren drei Kindern in einem 150-Seelen-Nest in Hessen. Anfang dieses Jahres wird Ursula erneut schwanger – doch nach einer dramatisch erlebten Fehlgeburt, unter der beide noch sehr leiden, und der schweren Geburt des Folgekindes, haben sie panische Angst davor, noch einmal neun Monate voller Unsicherheit durchzustehen. Zudem kommt die Familie finanziell kaum über die Runden: Ursula ist Briefträgerin, Karlheinz arbeitet als Lagerfacharbeiter. Die beiden führen eine liebevolle Ehe, jeder ist besorgt um den anderen. Sie setzen sich zusammen und reden. Karlheinz spricht zuerst von Abtreibung, auch Ursula sieht keinen anderen Weg. Beim Beratungsgespräch kommt es zu einer seltsamen Begegnung: Hinter dem Schreibtisch sitzt eine Mutter, die sie aus der Schule ihrer Tochter kennen. Die Frau kann sie beruhigen und weist auf ihre Schweigepflicht hin. Denn Ursula und Karlheinz wollen ihre Entscheidung so gut wie möglich geheim halten. „Man will ja nicht als schlechter Mensch dastehen“, sagt Ursula leise. Die Moralvorstellungen seien in dem Punkt eher enger geworden, glaubt sie. Kurz vor dem Abtreibungstermin treten bei Ursula Blutungen auf, sie muss liegen. Nach dem Abbruch sagt ihr der Arzt, dass das Kind vermutlich ohnehin nicht überlebt hätte. Trotzdem machen sich Ursula und Karlheinz schwere Vorwürfe. „Das Schlimme ist, es selbst entschieden zu haben. Man fragt sich, was geworden wäre, wenn man seine Angst überwunden hätte.“

Die häufigste Motivation zu einer Abtreibung seien Partnerschaftsprobleme, berichtet Elke Feldmeier-Thiele aus ihrer Beratungserfahrung. „Oft sind diese Frauen im Zwiespalt: Eigentlich freuen sie sich über die Schwangerschaft, doch ihr Partner reagiert negativ oder verlässt sie.“ Nicht selten seien es die Männer, die die Verantwortung für ein Kind scheuen und indirekt Druck auf die Frau ausüben. Die Frauen, von Hormonen überschwemmt und in Panik, lassen sich in der Situation schnell verunsichern.
Auch Psychologin Knopf glaubt, dass die Männer bei der Entscheidung für eine Abtreibung eine gewichtige Rolle spielen. Häufig gehe es den Frauen aber auch um ihre berufliche Eigenständigkeit – und das durch alle Altersgruppen hindurch. Hinzu kommt der Zeitdruck: Die meisten Frauen bemerken erst in der sechsten oder siebten Woche, dass sie schwanger sind. Bis sie einen klaren Gedanken gefasst haben, ist die Frist schon fast verstrichen. Schließlich muss zwischen Beratungsgespräch und Abtreibungstermin noch eine gesetzlich vorgeschriebene Bedenkzeit von mindestens drei Tagen liegen. Das kann laut Knopf dazu führen, dass die Betroffenen eine übereilte Entscheidung fällen: Augen zu und durch. Umso schwerer fällt der Entschluss, wenn sich die Schwangere nur der Frau von der Beratungsstelle offenbaren kann. Wichtig sei, meint Marina Knopf, dass die Entscheidung aus freien Stücken gefällt werde, und nicht etwa, um eine Partnerschaft zu retten oder weil jemand anders es für richtig hält.

Edith* ist mit einer allein erziehenden Mutter aufgewachsen. „Ich bin das Ergebnis eines One-Night-Stands“, erzählt sie. Ihre Kindheit hat die Studentin oft als bedrückend erlebt, denn ihre Mutter litt sehr unter ihrer Situation. Entsprechend geschockt ist Edith, als sie selbst mit zweiundzwanzig Jahren schwanger wird. Gleichzeitig eröffnet ihr der Kindsvater, mit dem sie seit einem Jahr eine schwierige On-Off-Beziehung führt, dass er sich in eine andere Frau verliebt hat – er ist gegen das Kind. „Ich war mir nicht sicher, ob ich es vielleicht doch bekommen möchte“, erzählt Edith. Sie spricht sehr besonnen, scheint jedes Wort abzuwägen. Damals redet sie mit ihrer Mutter über ihre Situation. Die nimmt ihr jeden Mut, spricht nur über die Probleme, die mit einem Kind auf sie zukommen würden. Vor dem Kliniktermin sieht Edith sich umringt von schwangeren Frauen und glücklichen Papas. Sie dagegen fühlt sich völlig allein gelassen. „Ich hatte oft das Bedürfnis zu schreien“, sagt Edith. Im Nachhinein ist sie vor allem wütend auf ihre Mutter: „Sie hat nie gefragt, ob ich das Kind will, es ging immer nur um ihre Geschichte.“ Heute, sieben Monate nach dem Abbruch, beschäftigt sie ihre Entscheidung noch immer. „Ich bereue es nicht“, sagt sie, „aber ich glaube es wird mich ein Leben lang begleiten.“

Junge Leute seien heute sehr strikt in ihrem Urteil über Abtreibungen, weiß Beraterin Knopf: „Da gilt es als moralisch wertvoll, wenn eine Fünfzehnjährige sagt: Ich hatte Sex, jetzt trage ich die Verantwortung dafür - fast im Sinne von Selbstbestrafung.“ Die Jugendlichen scheinen in mancherlei Hinsicht konservativer als ihre Eltern. Die Zeit der sexuellen Revolution kennt diese Generation nur aus dem Geschichtsunterricht. Vor allem außerhalb der Großstädte seien große Teile der Bevölkerung eher gegen die Straffreiheit von Abtreibungen, glaubt Knopf – verlässliche Daten dazu gibt es allerdings nicht.
Marina Knopf wünscht sich, dass das Thema endlich offener behandelt würde. Einen kleinen Schritt in diese Richtung ist sie mit dem Hamburger Familienplanungszentrum bereits gegangen. In der hauseigenen Broschüre haben die Mitarbeiterinnen ein Gruppenfoto veröffentlicht: „Wir sind 11 Frauen im Alter von 35 bis 57 Jahren“, steht unter dem Bild, das eine Frauengruppe zeigt, wie sie normaler nicht sein könnte. „Zusammen haben wir 12 Kinder, 4 Enkel und 19 Schwangerschaftsabbrüche.“ Die Psychologin ist zufrieden mit der Aktion: „Wir fanden, das könnte man ruhig mal so sagen.“


* Name geändert